Brustkrebsmonat Oktober 2020: Brustkrebs ist eine systemische Erkrankung oder Warum es mit einer Operation häufig nicht getan ist

Von Priv. Doz. Dr. Gabriele Bonatz


PD Dr. Gabriele BonatzDie Brustdrüse ist von einem Geflecht von Lymph- und Blutbahnen durchzogen. Das Brustdrüsengewebe selber ist hormonempfindlich. Diese Eigenschaften schaffen die Voraussetzungen für die Fähigkeit der Brust zu stillen. Wenn sich allerdings in der Brust ein bösartiger Tumor entwickelt, hat auch dieser schnell Anschluss an das Lymph- und Blutgefäßsystem. Wer also denkt, dass die Brustkrebsbehandlung mit der Operation  abgeschlossen ist, der irrt sich leider. Denn über die Lymph- und Blutgefäße gelangen einzelne Tumorzellen schon zu einem frühen Zeitpunkt der Erkrankung in den Körper. Wir haben es also mit einer lokalen Erkrankung (Tumor  in der Brust) und einer systemischen Erkrankung (einzelne Tumorzellen im Köper) zu tun. Therapieformen der lokalen Erkrankung sind Operation und Bestrahlung, Tumorzellen im Körper werden mit Medikamenten behandelt und zwar gezielt, je nachdem welche Eigenschaften (Tumorbiologische Faktoren) diese Zellen haben.


Die Tumorbiologie kann der Pathologe schon aus kleinen Proben des Tumors bestimmen. Diese Proben gewinnt der/die auf Brustkrebs spezialisierte Arzt/Ärztin während der Untersuchung im Brustzentrum/Mammografie-Screening durch eine Biopsie ultraschall- oder mammografiegesteuert. In den Proben wird festgestellt, ob der Tumor hormonsensibel ist, ein Onkogen (Her2neu) aktiviert wird und wie hoch die Verdoppelungsrate der Tumorzellen ist. Aus diesen Informationen können wir ableiten, wie hoch das Rückfallrisiko ist. Ist es hoch, werden zusätzlich häufig auch sonografische Veränderungen der Wächterlymphknoten in der Achselhöhle festgestellt. Ob diese Veränderungen tatsächlich durch eine Ansammlung von Tumorzellen oder alternativ durch Entzündungszellen bedingt ist, kann ebenfalls durch eine minimalinvasive Probeentnahme per Stanzbiopsie ambulant geklärt werden.

Expertenteam interpretiert alle Informationen

Alle Informationen, die wir über die Tumorerkrankung erhalten haben, müssen nun von dem  Expertenteam des Brustzentrums interpretiert werden. Ist der Tumor aggressiv, kann es sinnvoll sein, noch vor der Operation eine medikamentöse Therapie der im System Körper verbreiteten Tumorzellen zu beginnen, damit sich diese nicht ungehindert teilen können. Eine der Operation vorgeschaltete medikamentöse Therapie hat den Vorteil, dass man an Hand des Kleiner- oder Weicherwerdens des Knotens erkennen kann, ob die gewählte systemische Therapie die richtige ist. Das kann man nach Entfernung des Tumors nicht mehr bewerten, denn einzelne Tumorzellen lassen sich im Blut oder Knochenmark zwar feststellen, aber ihre Aussagekraft ist im Moment noch nicht ausreichend belegt. Wird der Tumor kleiner oder verschwindet völlig, ist nahezu in allen Fällen eine brusterhaltende Operation möglich.
Die Frage, welche der möglichen medikamentösen Therapien in Betracht kommt, wird durch die tumorbiologischen Faktoren bestimmt. Haben die Tumorzellen einen hohen Anteil an Hormonrezeptoren kommt eine Antihormontherapie in Betracht. Aktivieren die Tumorzellen auf ihrer Oberfläche das Antigen Her2neu, ist eine Antikörpertherapie-Therapie gerichtet gegen diese Antigen indiziert. Teilen sich die Tumorzellen schnell, kann eine Chemotherapie effizient sein. In jedem Jahr werden neue Erkenntnisse über die Tumorbiologie bei Brustkrebs und neue systemische Therapieoptionen veröffentlicht, sodass diese Darstellung nur den Anspruch einer Momentaufnahme hat.

Chemotherapie: Auch hier hat sich die Medizin weiterentwickelt

Ein Schreckgespenst stellt nach wie vor die Chemotherapie dar. In diesem Zusammenhang haben wir alle Bilder von kahlköpfigen, sich übergebenden und schwer angegriffenen Menschen im Kopf.
Aber: auch hier hat sich die Medizin weiterentwickelt.  Zugegebenermaßen gibt es gegen den Haarausfall, bedingt durch einige (nicht alle) der Chemotherapeutika, keine hundertprozentige Therapie. Kälteapplikationen helfen, aber nur zum Teil und haben bei einer Vielzahl von Menschen extreme Kopfschmerzen als Nebenwirkung. Die Schulmedizin hat effektive Medikamente gegen Übelkeit, wobei hier genauso wie bei der Schmerzbehandlung gilt: Zeitig behandelt, benötigt man eine geringere Dosis. Deswegen ist es sehr wichtig, dem betreuenden Onkologen schon frühzeitig wissen zu lassen, dass die Antiübelkeitsmedikamente das letzte Mal nicht gereicht haben.
Und noch eines hat sich im letzten Jahrzehnt geändert: wir Schulmediziner erkennen den Nutzen der komplementärmedizinischen Therapien an. Denn gegen Übelkeit kann z.B. Akupunktur die Antiübelkeitsbehandlung effektiv lindern, so wie auch Knochenschmerzen, die unter Chemotherapie und auch Antihormontherapie auftreten kann.
Viele Patientinnen berichten, dass sie sich während der Chemotherapie, aber auch während der Strahlentherapie extrem erschlagen und müde gefühlt hätten. Hiergegen hilft: Bewegung an der frischen Luft – und wenn es „nur“ ein Spaziergang ist. Große Studien belegendie statistisch signifikante Verbesserung des sogenannten Fatigue-Syndroms, wenn die chemo- oder strahlentherapiegeplagten Patientinnen regelmäßig Ausdauersport ergänzt durch Krafttraining machten (3x/Woche moderates Ausdauertraining, 2x/ Woche kräftigendes Gerätetraining).
Auch Entspannungsverfahren, Yoga und Hypnose verbessern das Durchhalten der kraftzehrenden Therapien nachweislich.

Hohes Maß an Organisation erforderlich

Alle Menschen sind unterschiedlich und deswegen kann auch nicht vorhergesagt werden, wie die einzelne Patientin auf die anstehende Therapie exakt reagiert oder sie „wegsteckt“.
Vor jeder Chemotherapie werden mittels Laboranalyse die Blutwerte gecheckt, denn die Chemo muss bei schlechten Werten ausgesetzt werden. Die Chemo-Ambulanzen im  Netzwerk des Brustzentrums Bochum Augusta (Onkologie der Augusta-Kliniken Bochum, Onkologische Gemeinschaftspraxis Dr. Bückner/Prof. Nückel, Praxis für Onkologie Dr. Enser-Weis) sind wohltuend gestaltet. Der Praxis-Alltag erfordert ein hohes Maß an Organisation, denn alle Patientinnen wollen schnellstmöglich nach den Infusionen wieder nach Hause. Damit nicht jedes Mal wieder ein intravenöser Zugang gelegt werden muss, wird in der Regel ein sogenanntes permanentes Port-System vor Beginn der Chemotherapie gelegt. Dieses kann man für die Infusionen ohne großen Aufwand und ohne große Schmerzen unkompliziert nutzen. Nach der Therapie geht’s, wenn nicht Ungewöhnliches eintritt, wieder nach Hause.

"Aktiv gegen Brustkrebs" hilft

Chemotherapie ist kein Spaziergang. Man macht sie normalerweise nicht mal so nebenbei. Der Alltag zu Hause geht weiter: die Kinder kommen von der Schule, Mittagessen vorbereiten, Wäsche waschen, Hausaufgaben überwachen. Man kann sich vorstellen, dass man sich als Mutter während der anstrengenden Therapien oft überfordert fühlt. Unkomplizierte und schnelle Hilfe bietet der Verein „Aktiv gegen Brustkrebs“ an. Eine Mitarbeiterin des Vereins, von Haus aus Kinderkrankenschwester, kommt hier in Bochum, wenn es „brennt“ und hilft bei der Kinderbetreuung und beim Kochen, ohne aufwändige Antragstellung und ohne Behördengang.
Insgesamt kann ein gesunder Lebensstil (ausgewogen, im Sinne einer mediterranen Ernährung mit geringem Fettanteil und ballaststoffreich – Bewegung an der frischen Luft – Entspannungsverfahren, inklusive Hypnose und Yoga) zum Durchhalten der für die Brustkrebsprognose entscheidenden schulmedizinischen Therapien beitragen.

Priv. Doz. Dr. med. Gabriele Bonatz ist Chefärztin der Frauenklinik und des Brustzentrums Augusta Bochum. Sie gründete den Verein "Aktiv gegen Brustkrebs", den sie Beirätin tatkräftig unterstützt.