Brustkrebsmonat Oktober 2020: Brustkrebs – kein Todesurteil. Eine Patientinnengeschichte

Heute morgen habe ich beim Duschen einen Knoten in meiner linken Brust entdeckt.
Er ist nicht groß und tut überhaupt nicht weh. Ich bin 42, ist bestimmt nichts Schlimmes, außerdem habe ich mich vor ein paar Wochen bei der Gartenarbeit an der Brust gestoßen.
Es könnte sich um einen Bluterguss handeln.
Ich gehe zur Arbeit, versuche mich mit unnötigen Dingen abzulenken, doch "der" lässt mir keine Ruhe.
Ich wähle die Praxisnummer meiner Frauenärztin... wann war ich nochmal zuletzt bei ihr gewesen? Vor drei oder vier Jahren vielleicht? Das liegt an dem momentanen Stress, zwei Schulkinder, die Arbeit,  die Trennung.


"Praxis Dr.... Guten Tag, Was kann ich für Sie tun?"
Ich lege schnell auf, nichts können die für mich tun.
Die Tage vergehen, der Herbst ist in vollem Gange und mir geht´s überhaupt nicht gut. Heute habe ich ein paar Bluttropfen im Bett gesehen, die sind aus meiner linken Brustwarze rausgetropft.
Ich muss zum Arzt.
"Frau M...ich sehe da einen Knoten, ich kann Ihnen nichts Genaueres sagen, aber ich schicke Sie in ein Brustzentrum, dort gibt es noch viel bessere Ultraschallgeräte“.
Bereits am nächsten Tag bekomme ich den Termin zur Vorstellung. Die Dame am Telefon hört sich nett und zugewandt an. Ich möge eine Überweisung mitbringen.
Nach Ausfüllen einiger Formalitäten, sitze ich nun vor dem Untersuchungszimmer, neben mir wartet eine etwas ältere und zierliche Dame im Rollstuhl, um die 70 vielleicht. "Zum ersten Mal hier?" fragt sie mich neugierig. Ich schaue ihr etwas irritiert ins Gesicht, der trübe Blick und die vielen Fältchen zeugen von einem harten Schicksal.
Eigentlich bin ich nicht hier um Freundschaften zu knüpfen, aber respektlos will ich auch nicht sein. "Ja, Sie auch?" antworte ich nach einer Weile.
 "Schön wär´s, mein erstes Mal hier war vor zwölf Jahren, da haben die ihn entdeckt. OPs, Chemotherapien, Bestrahlungen, alles durchgemacht, nun sitzt er in den Knochen...tief und fest."
Ich will das alles nicht hören, würde am liebsten aufstehen und weglaufen, aber da geht die Tür auf.
Ein lächelndes Gesicht ruft mich herein.
Ich hatte mir die Untersuchung viel schlimmer vorgestellt. Die Brust wurde abgetastet, es wurde eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, die Mammographie war zwar etwas schmerzhaft, aber zu ertragen. Zur Gewebeprobeentnahme wurde ich ausführlich aufgeklärt. Die Durchführung der Entnahme ging schnell. Ich habe währenddessen nur ein leichtes Ziehen in der Brust gespürt. Anschließend bekomme ich einen Druckverband, den ich am Folgetag abnehmen kann.
"Ist das Brustkrebs?" forschend schaue ich der netten Ärztin in die Augen. "Frau M., alles wird gut, wir sprechen in 2 Tagen wenn alle Ergebnisse vorliegen." Ihr warmer Blick tröstet mich. Ob das etwas zu bedeuten hat? Naja, sie muss ja wissen was sie sagt.
An einem regnerischen Mittwochnachmittag bekomme ich die Diagnose.
Meine kleine Welt bricht in tausend kleine Scherben zusammen. Alle meine Ziele, Träume, Hoffnungen, alles was ich im Leben bis jetzt erreicht habe, ist plötzlich weg. Stattdessen herrscht eine endlose, schwere Leere in meinem Kopf.
Das passiert gerade nicht mit mir. In diesem Raum befindet sich bestimmt eine andere Frau, der das alles erzählt wird!
Ich sehe mich flehend um, aber da ist sonst niemand, nur die Ärztin und ich.

Die Psychologin wird zügig zu dem Gespräch hinzugerufen, um mich seelisch bei der Erstverarbeitung meiner Diagnose zu unterstützen. Danach erhalte ich einen Patientenordner mit ausführlichen Informationen zu dem Thema "Brustkrebs" Die Inhalte werden mir von einer Mitarbeiterin ausführlich erklärt.
Die nächsten Nächte kann ich nicht einschlafen, obwohl ich es so gerne will. Nach eineinhalb Wochen nehme ich den Kampf auf.

Jetzt ist es Spätsommer. Der Wald war schon immer mein liebster Spielplatz und ein Ort zum Kräftesammeln. Ich habe das Gefühl, dass er mich energetisch reinigt.
Die Chemotherapie und die Operation liegen nun hinter mir.
Fr. S., die Ärztin die mich von Anfang an betreute, hat mich operiert. Die Brustdrüse musste entfernt und rekonstruiert werden, die andere Brust wurde angeglichen.
Heute geht es mir gut.
Ich habe mein Körperbild wiederbekommen, nur die feinen Narben erinnern mich an den vergangenen Kampf. Ich habe mein Leben wieder, mit Narben auf dem Körper und Narben in der Seele.
Aber ich lebe, ich laufe und ich lache... und das ist wunderschön.

 

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