Brustkrebsmonat Oktober 2020. Kunsttherapie - mehr als ein Malkurs: Durch Kunst Lebensfreude und Kreativität erfahren

Kunsttherapeutin Anne Siebel. Foto Werner ConradBetritt man den „Alten Kiosk“ von Anne Siebel an der vielbefahrenen Herner Straße am Rande der Innenstadt Bochums, hat man sogleich das Gefühl, in eine Oase der Ruhe und Entspannung zu kommen. In diesem Raum kreativ zu sein, dürfte nicht allzu schwer fallen. Deshalb sind Brustkrebspatientinnen und -patienten sowie Patientinnen mit gynäkologischen Krebserkrankungen hier genau richtig, wenn sie das komplementärmedizinische Angebot „Leben + Kunst = Lebenskunst“ des Bochumer Vereins „Aktiv gegen Brustkrebs“ kennenlernen wollen. Die Botschaft: „Durch Kunst Lebensfreude und Kreativität erfahren und damit den eigenen Weg zur Krankheits- und Lebensbewältigung finden. Setzen Sie der anstrengenden Diagnostik und Therapie etwas Eigenes, Inneres entgegen.“


Seit vielen Jahren arbeitet Kunsttherapeutin Anne Siebel in diesem ehemaligen Kiosk und auch an anderen Orten mit ihren Klienten, die zumeist Klientinnen sind, greift künstlerisch die Belange auf, die über die medizinisch-naturwissenschaftliche Behandlung und Betreuung hinaus für die erkrankten Menschen wesentlich und wichtig sind. Schon an dieser Stelle kann man sich gut vorstellen, dass es hier um sehr viel mehr als um einen konventionellen Malkurs geht.
Anne Siebels Weg zur Kunsttherapie begann eigentlich schon vor Jahrzehnten, auch wenn diese „erst“ ab 2007 mit abgeschlossener Ausbildung zum Betätigungsfeld wurde. Denn sie war schon immer ein aktiver und kreativer Mensch. So erarbeitete sie seit den 70er Jahren mit Kindern und Jugendlichen Puppenspiele. Die Stücke, Figuren und Bühnenbilder haben sie gemeinsam erfunden: „Das war nicht nur kreativ, sondern beanspruchte Kopf, Herz und Hand beim gemeinsamen Tun. Wir hatten viel Spaß und die Arbeit war sehr befriedigend.“

Ab 1994 arbeitete sie nach fundierter Ausbildung ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge mit, auch in Nachtschichten. Eine Erfahrung, die Anne Siebel nicht missen möchte: „Ich muss sagen, für mich ist nie wieder so gut gesorgt worden wie von den Hauptamtlichen der Telefonseelsorge. Wir Ehrenamtlichen bekamen alles, was wir zum guten Arbeiten brauchten. Wie schon gesagt, zuerst die Ausbildung, dann wöchentliche Weiterbildungen. Bei Fragen stand uns immer jemand zur Verfügung. Das war gut, denn am Telefon kann man viel erleben, was auch eigene seelische Verarbeitung braucht. Darüber hinaus sorgte man auch für das leibliche Wohl. Das fing bei der Ausstattung der Räume an bis hin zu einem gut sortierten Kühlschrank. Die Leitung diente den Mitarbeitern. Dahinter stand der Gedanke: Wenn es Dir gut geht, kannst Du auch anderen gut tun.“

Nachts, wenn es ruhiger wurde bei der Telefonseelsorge, blätterte sie in mitgebrachten Zeitschriften. Und da fand sie in einem ART-Magazin eine Anzeige der Arbeitsgemeinschaft für Klientzentrierte Therapie und Kunsttherapie Siegen (AKT), einer Ausbildungsstätte auch für Kunsttherapie. Prof. Dr. Groddeck, ein Erziehungswissenschaftler der Uni Siegen, bot dort eine fünfjährige berufsbegleitende Ausbildung zur Kunsttherapeutin an, die er auf der Basis der Gesprächstherapie von Carl Roger entwickelt hatte - „die ja auch meine Grundlage bei der Ausbildung der Telefonseelsorge war“, erinnert sich Frau Siebel. „Damit konnte ich meine Interessen miteinander verbinden und auf meinen Erfahrungen aufbauen.“ Hinzu kam, dass Anne Siebels Mutter, die in Siegen lebte, zunehmend mehr Unterstützung in ihrem Alltag brauchte - also meldete sie sich beim Institut an und wohnte während der Kurseinheiten bei ihrer Mutter. Die Ausbildung dauerte von 2002 bis 2007 - danach konnte sie als Kunsttherapeutin ihre Fähigkeiten und Kenntnisse u.a. in Kursen weitergeben.

Als Krankenschwester auf "Aktiv gegen Brustkrebs" aufmerksam geworden

Auf den Verein „Aktiv gegen Brustkrebs“ stieß Frau Siebel durch ihre berufliche Tätigkeit als Krankenschwester im Bochumer Augusta-Krankenhaus, wo wie seit 1990 arbeitete.  Der Verein war 2010 zur Förderung des Brustzentrums Augusta gegründet worden. „Weil ich schon immer neugierig war, besuchte ich ein oder zwei Treffen des Vereins“, erinnert sich die Kunsttherapeutin. „Daraus ergab sich eine langjährige Mitarbeit.“ In den gut zehn Jahren des Vereinsbestehens hat sie viele Patientinnen eine Zeit lang begleiten dürfen und dazu angeleitet, durch künstlerische Mittel wie Farbe und Papier, mit Ton und anderen Materialien ein seelisch relevantes Thema zu erarbeiten und dabei mehr von sich selbst zu erfahren. Was Kunsttherapie bedeutet, beschreibt Anne Siebel so: „Man kann damit verborgene Wahrheiten finden oder Irrtümer aufdecken. Ergründen, Ressourcen finden, Unterstützung erleben. Alles im Sinn des Klienten. Denn hier gilt nur, was vom Klienten selbst kommt. Kein ‚Fachmann‘ weiß es besser. Die Selbstkompetenz wir gestärkt.“

Blick in den Kunst-Kiosk. Foto: Werner ConradBei den Kursen geht es nicht in erster Linie um Maltechniken. „Die erfährt man so nebenbei“, erläutert sie. „Und geübt und gelernt im Sinne von der Weiterentwicklung einer Maltechnik wird auch nicht.“ Am Anfang wird zuerst ein ausführliches Gespräch über das Befinden und Themen geführt, die die Klientin bewegen. Dabei stellt sich nach Anne Siebels Erfahrung dann schnell heraus, welches Thema, welche Themen ein*e Klient*in mit sich trägt. „Das wird näher beleuchtet. Gern meditativ, mit Hilfe einer Phantasiereise, einer Imagination, dem Auswählen von Begriffen oder Bildern. Nach einer Entspannungsphase entsteht meist ein Bild, eine Situation vor dem geistigen Auge. Das, was dabei entstanden ist, bitte ich, mit guten Künstlerfarben und entsprechendem Papier in einem Bild darzustellen. Das muss nicht gegenständlich sein. Weil oft Gefühle geweckt werden, sind schon viele farbig abstrakte Bilder entstanden. Auch die sagen viel, weil Gefühle ja die Grundlage unserer seelischen Verfassung sind. Das Malen nimmt einen Zeitraum von 10 Minuten bis zu einer Stunde oder länger ein. Darum kann ich ein Kunsttherapeutisches Setting nicht genau zeitlich festlegen. Beim Malen wird meist der Gedanke, der den*die Maler*in bewegte, vertieft und gefestigt. Ist das Bild fertig, betrachten wir es gemeinsam. Ein Gespräch zum Abschluss zieht ein Fazit oder führt für eine kommende Stunde weiter.“
Bei den Materialien richtet sich Anne Siebel nach den Wünschen der Klienten. Sie hat beobachtet, dass gerne Pastellkreiden genommen werden. Es stehen aber auch Aquarellfarben, -stifte und -kreiden, Buntstifte, Bleistifte und Acrylfarben zur Verfügung. Gearbeitet wird immer auf rauem dicken Aquarell- oder Pastellpapier – und in Gruppen ab fünf bis zu acht Personen. In der Gruppenarbeit profitieren die einzelnen Teilnehmer sehr voneinander, hat die Kunsttherapeutin festgestellt: „Man kann aus den Erfahrungen und Erlebnissen der Teilnehmer*innen viel für sich mitnehmen. Ganz praktisch erleichtern sie sich auch gegenseitig den Weg durch die medizinischen Notwendigkeiten. Bei etwas Glück findet man Leidensgenossinnen, die einen lange begleiten und einem gut tun.“ Frau Siebel rät, dass die Teilnehmer*innen einer Gruppe möglichst die gleichen Startbedingungen haben und in der medizinischen Versorgung nicht zu weit auseinander liegen sollten. „Dann festigt sich die Gruppe schnell. Dabei habe ich erfahren, dass dann die Gruppen nicht mehr so gern neue Leute hinzunehmen möchten. Man wird sehr vertraut miteinander und teilt persönlichste Themen mit den anderen.“

"Das Miteineinander steht im Mittelpunkt"

Gruppen entstehen aber gar nicht so oft – das hat die Kunsttherapeutin auch lernen müssen. Daher bietet sie auch Einzelstunden an. Dabei hätten die Klientinnen den ganzen Gewinn, den die Kunsttherapie bieten kann. Manchen falle es auch leichter, den Anfang zu finden, sich zu öffnen. Der Gruppengedanke bei seelischen Belangen falle schließlich nicht jedem so leicht. Was kann Kunsttherapie, speziell bei Brustkrebspatientinnen, bewirken? „Ich erlebe, dass in den ersten Treffen meist die neue Situation, die Erkrankung verarbeitet wird“, berichtet Anne Siebel. „Danach gerne die Eigenart der eigenen Persönlichkeit. Dann stehen Chancen und Ressourcen an. Damit ist das wesentliche Ziel der Kunsttherapie erreicht.“

Eine kleine Gruppe trifft sich seit 2014.Manchmal entstehen Verbindungen über dieses Ziel hinaus. So begleitet sie schon seit 2014 eine kleine Gruppe, deren Teilnehmerinnen so zusammengewachsen sind, dass beim Treffen Alltägliches überwiegt. Es werden mittlerweile Techniken ausprobiert, die nicht mehr in den kunsttherapeutischen Bereich gehören. „Wir haben gefilzt und vor kurzem uns in der neuen Technik des Pouring (Acryl-Fließtechnik, d. A.) geübt.“ Ganz wichtig: „Dabei steht der gemeinsame Spaß, das Miteinander im Mittelpunkt und wenn nötig auch der Austausch über den aktuellen Stand der Gesundheit.“

Wer sich auf die Kunsttherapie einlässt, da ist sich Anne Siebel ganz sicher, ist neugierig und experimentierfreudig. Im Laufe der Zeit erfahren sie jedoch mehr über sich und komme sich selbst in dem ein oder anderen Fall auf die Spur. Natürlich freut es die Kunsttherapeutin, wenn die Klienten meist vom Gewinn sprechen, den sie durch die Kunsttherapie erfahren haben. „Wer sich einlässt, öffnet sich schon beim ersten oder zweiten Setting. Dann erlebe ich in der Zusammenarbeit oft beglückende Erkenntnisse, die auf Papier gebannt ja mitgenommen werden können.“ Jedes Zusammenarbeiten sei ein besonderes Erlebnis. Jede*r Teilnehmer*in sei in seiner/ihrer Individualität ein Erlebnis, jedes Treffen einmalig. Nichts wiederhole sich, nichts werde zur Routine. Immer wieder würden alle Beteiligten neu gefordert.

Anne Siebel will aber auch nicht verschweigen, dass insgesamt die Zurückhaltung gegenüber der Kunsttherapie leider noch sehr groß sei - zumeist wohl aus Unkenntnis. Die Kurse von „Aktiv gegen Brustkrebs“ für Brustkrebspatientinnen und Patientinnen mit gynäkologischen Krebserkrankungen wollen dagegen halten - weil: „Durch die Kunsttherapie können Stärken erkannt, Fähigkeiten erinnert, Wahrnehmung verbessert und neue Sichtweisen gefunden werden. Das wirkt der Gefahr entgegen, durch Angst und Depression die Lebensqualität zu mindern und gibt starke Grundlagen, um soziale Fähigkeiten zu erhalten oder auszubauen.“ (Flyer Kunst und gute Gespräche, 2017).

(-weco-)


Info: Sekretariat „Aktiv gegen Brustkrebs“, Telefon: 0234 37985495 oder 0176 62103952, E-Mail: kontakt@aktivgegenbrustkrebs.de
www.aktivgegenbrustkrebs.de
Anne Siebel E-Mail: r.u.a.siebel@t-online.de

 

 

Arbeiten von Brustkrebspatientinnen, erläutert von Anne Siebel

 

Frau B.:
Sicherer innerer Ort, Blumenwiese in den Bergen, liegt auf einem saftigen Heubett. Es duftet wunderschön.

 

 

 

 

Nahestehende Menschen
leicht und luftig, verschiedene Beziehungen,
unterschiedliche Gewichtung der einzelnen Beziehungen,
gute Erfahrungen, schlechte eher weniger. Die 2-3
Enttäuschungen die dazwischen sind werden von den
vielen neu kennengelernten positiven Menschen
überdeckt.

 

 

Menschen die mir nahe stehen:

Fr. F. hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Erkrankung gezeigt hat, wer den Kontakt gehalten und wer sich zurückgezogen hat. Das war ernüchternd, aber die Menschen, die geblieben sind, sind echte Freunde

 

 

 

Frau B. konnte sich gut auf die Entspannungsübung einlassen und profitierte auch davon. Als sehr angespannte Patientin war ich darüber erstaunt. Im Malprozess wurde aus der Wiese der Phantasiereise ein weicher Waldboden mit sich entwickelnden Farnen. Der Hintergrund schattig, auf den Farnen lag Sonne. Fazit: Schattig, aber entwicklungsfähig!

 

Frau R. ließ sich mit Sauerstoff, gleich nach der Chemotherapie, zur Kunsttherapie bringen. Sie wollte gern reden und freute sich aufs Malen. Bei der Entspannungsübung fiel es ihr erst schwerer, sich darauf einzulassen. Im Laufe der Zeit, ging es jedoch. Die Phantasiereise auf die Wiese machte sie mit, sagte aber gleich, dass sie Wasser gern hat. So wurde aus der Wiese das Meer, Mittelmeer, weil es dort so fantastische Farben gibt. Frau R. war von den Pastellen begeistert, mit der Farbigkeit und Mischbarkeit. Dann saß ich ihr für ihr Selbstporträt Modell. So entstand ihr Sehnsuchtsbild auf einer Klippe in Irland. Sie sitzt und guckt von oben aufs Meer, ist nicht am Strand. Im Augenblick ist ihr Platz dort oben. Thema: Sehnsucht

 

 

 

 

Alle Beiträge zum Brustkrebsmonat Oktober 2020 finden Sie HIER