Brustkrebsmonat Oktober 2020: Wie wirkt sich Ausdauersport und achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung auf die Krebserkrankung aus?

Sichtweise einer Patientin:
Als die Ärztin vor einigen Jahren die Worte „Krebs“ und „Chemo“ sagte, habe ich nicht mehr zugehört. Ich hatte nur noch einen Gedanken: „Keine Haare mehr - Glatze!“
Gut, dass mein Mann dabei war und zugehört hat, was jetzt alles zu tun war und welche Untersuchungen anstanden. Ich hatte ja nur Haare im Kopf.
Dann ging alles ratzfatz. Ins Krankenhaus, Lymphdrüsen raus, Port rein. Und kurze Zeit später die erste Chemo. Einige Tage danach ging es zum Frisör und ganz schnell waren die langen Haare kurz geschnitten. Und sie waren noch da, schön. Dann wurden sie immer weniger. Bis ich sie habe abnehmen lassen. Ich hatte die Wahl zwischen Perücke und Mütze.

Da saß ich jetzt im Perückenstudio „oben ohne“ und das Erste, was mir die Verkäuferin aufsetzte, war die Perücke, die genauso aussah wie meine frühere Frisur. Von weitem nett, aber beim Anfassen verkehrt. Eben nicht meine Haare, eigentlich gar keine Haare, sondern gut gemachte Kunstfaser. Für mich falsch. Ich möchte nochmals betonen: Für MICH verkehrt! Denn jeder muss in dieser Situation für sich entscheiden, was für ihn das Angenehmste ist (wenn man hier überhaupt von angenehm sprechen kann).

Die Perücke war, glaube ich, so 2 oder 3 Minuten auf dem Kopf, dann habe ich Tücher und Mützen ausprobiert. Das war besser. Denn die Tücher und Mützen waren nicht aus Kunstfaser, sondern aus Baumwolle und für mich viel angenehmer.

Aber ich glaube, viel wichtiger war, dass ich mich für die Familie, für die Verwandten, Freunde und Nachbarn nicht „verkleiden“ wollte. Perücke auf, Schminke drauf und so tun, als ob alles in Ordnung ist. Für wen? Für mich? Oder für andere? So tun als ob, wenn`s gar nicht gut ist! Nur damit die Mitmenschen mich nicht dumm angucken oder über mich reden? Weil ich aussehe wie ein Gespenst?
Ein Gesicht ohne Konturen, ohne Augenbrauen, mit kahlem Kopf. Unsinn! Soll der Rest der Menschheit, der  keine Ahnung hat, was Brustkrebs und Chemo bedeuten, gucken und reden, wie  er will! Ich muss mich wohl fühlen. Alles andere und alle anderen sind unwichtig!

Ich trug nun Mütze und hatte Ruhe in Sachen Haare. Jetzt habe ich gedacht: „Schlimmer geht es eh nicht mehr! Jetzt muss es doch bergauf gehen!“
Die Frage war nur: Wie?

Aber der Kopf fuhr trotzdem ganz oft Achterbahn


Die Chemo lief und die Werte waren ok. Aber der Kopf fuhr trotzdem ganz oft Achterbahn. Wird alles gut? Schlägt die Chemo an? Wie wird operiert? Das waren Fragen, die ständig im Kopf spukten. Doch - obwohl es mir nicht gut tat - konnte ich dieses Grübeln nicht abstellen. Ich fühlte mich schlecht. Und das kam zu dem eh schon vorhandenen „Übelsein“ durch die Medikamente und den „steifen Knochen“ - wie bei einer alten Oma - hinzu.

Aber gerade die Übelkeit, die war nicht die ganze Zeit da. Da gab es eben auch Tage, an denen - bis auf die „appen“ Haare und dass die Knochen nicht so recht in Gang kommen wollten - eigentlich alles gut war. Wenn nicht wieder der Kopf Achterbahn gefahren wäre.

Meine Onkologin hat mir damals erzählt, dass Bewegung die Behandlung unterstützen kann. Besonders das Laufen. Denn bleiben die Knochen in Bewegung, tun sie nicht mehr so weh. Und wenn das Grübeln kommt und die vielen Fragen wieder mal herumspukten, dann kann die frische Luft auch den Kopf frei pusten.

Na super, dachte ich damals. Ich komm eh nur voran wie eine Schildkröte und dann soll ich jetzt rennen. Aber wenn`s hilft, probier`s aus. Du hast nichts zu verlieren!
Also, wenn dir nicht mehr übel ist, raus an die frische Luft!

Ich bin erst mal spazieren gegangen. Die Spaziergänge taten mir gut. Ich war irgendwie gerne draußen. Ich habe mein Handy eingesteckt – für den Notfall, falls ich doch schlapp machen sollte – und bin los. Quer durch den Wald. Zwischendurch habe ich Pause gemacht, mich auf eine Bank gesetzt und mir die Gegend angeguckt. Das war fast wie Urlaub. Ich wusste bis dahin gar nicht, wie schön die Ecken rund um mein Zuhause sind.

Mittlerweile hatte ich Spaß an Bewegung. Nun war es plötzlich tatsächlich ganz einfach und völlig selbstverständlich: Jacke an und raus!

Gestartet mit "Socken-Yoga"


Ich bin auch wieder zum Yoga gegangen. Gestartet bin ich mit, ich nenn es mal „Socken-Yoga“: Hinlegen und atmen! Gleichmäßiges Atmen (einatmen 2-3-4, ausatmen 2-3-4). Das beruhigt. An nichts denken, nur auf das Atmen konzentrieren. Das bringt einen runter. Man glaubt es ist einfach, denn atmen tu ich ja eh den ganzen Tag. Aber das ist es nicht, wenn der Kopf an alles andere denkt, nur nicht an Ruhe und Entspannung. Doch wenn man sich anstrengt und mitzählt, sich konzentriert auf das Atmen, schaltet man – wenn`s gut läuft - irgendwann das Kopf-Kino aus. Bestimmt nicht am Anfang, aber mit der Zeit funktioniert’s. Man muss sich nur darauf einlassen.

Für richtige Yogis ist Yoga eine Weltanschauung, eine Philosophie. Ich denke, was mir gut tut, mache ich. Gleichmäßiges Atmen entspannt. Die Übungen bringen Kraft, denn schließlich muss man seinen ganzen Körper tragen. Im Laufe der Yogastunden, im Laufe der Konzentration auf die Bewegungsabläufe habe ich nicht mehr an meine Krankheit gedacht. Ich musste mich konzentrieren - auf die Schrittfolgen, die Fußstellungen, die Figuren. Wie gesagt: Yoga lenkt den Kopf ab. Das Gedankenkarussell kommt zur Ruhe. Und als I-Tüpfelchen gibt es noch Muckis in Armen und Beinen.

In der Reha habe ich dann angefangen zu laufen. Dort war Ausdauertraining Pflichtprogramm. Erst den Puls messen, dann aufs Fahrrad, den Stepper oder das Laufband. 3x die Woche jeweils 15 bis 20 Minuten. Wenn man sonst zum Brötchenholen mit dem Auto fährt, ist das schon was.

Das Beste war immer das Laufband. Kopfhörer auf, Musik an und los. Laufen… wann immer und wo immer du Lust hast!

Wenn man denn Lust hat. Ich hatte nicht immer Bock. War das Wetter schön, hätte es eigentlich raus gehen können. Dumm ist nur, wenn der innere Schweinehund was anderes sagt: Ach, heute ist es zu kalt. Oder: Bei dem schönen Wetter leg ich mich lieber in den Liegestuhl und döse im Garten. Und dann ein Eis, mit viel Sahne!

Aber da gibt es ja Tricks: Ich nutzte z.B. eine Lauf-App auf dem Handy. Die gibt es für kurze und lange Strecken, für Anfänger und Fortgeschrittene. Und wenn ich meine Laufeinheit nicht ordnungsgemäß absolviert habe, meckerte mein Handy, damit ich mich mehr anstrenge. Und wenn ich beim Laufen zu schnell oder zu langsam war, gab es auch sofort eine Meldung. Und wenn das Handy dabei war, war auch immer Musik mit dabei. Laufmusik, schnelle Beats im Rhythmus der Laufpulsfrequenz.

Auch heute, einige Jahre nach der Diagnose Brustkrebs gehe ich regelmäßig zum Yoga und laufe immer noch. 1,5 Stunden Entspannung in der Anspannung auf der Yogamatte und regelmäßige Laufrunden von maximal 5 km. Ein tolles Gefühl, es bis hierher geschafft zu haben!

Ariane Kukula-Schmidt
 

Medizinische Aspekte:

Zwei wichtige Punkte können eine große Rolle für den Heilungsprozess bei Brustkrebs spielen. Zum einen der seelische Zustand der betroffenen Personen, zum anderen ihre körperliche Verfassung. Neben achtsamkeitsbasierter Stressreduktion (z.B. durch die Einübung achtsamer Körperwahrnehmung, das achtsame Ausüben von Yogastellungen (Asana) oder das „stille Sitzen“ / die Meditation) kann auch durch Bewegung und Sport das allgemeine psychische und körperliche Befinden verbessert werden.

Neben Übungen für Geist und Seele können so auch schon kleine Spaziergänge helfen, um wieder „in Bewegung“ zu kommen. Ebenso unterstützen Nordic-Walking und Jogging die Stressbewältigung. Ängste können gemildert oder abgebaut werden. Alles aber im richtigen Maß und auf Anraten des behandelnden Arztes.

Ziel von Bewegung und Sport bei Brustkrebs ist es, das verlorenen Selbstvertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen, die körperliche Belastbarkeit wieder aufzubauen und zu stärken, aber auch aus der Passivität zurück ins Leben zu finden.

 

Literaturempfehlung:

  • Die Macht der Bewegung (Sachbuch)
    Freerk Baumann, Irisiana Verlag 2009
  • Bewegungstherapie und Sport bei Krebs (Therapie- und Praxisbuch)
    Baumann / Schüle (Hrsg.), Deutscher Ärzteverlag 2008
  • Bewegung und Sport bei Krebs (Nr. 48) (Patientenbroschüre)
    Blauer Ratgeber, Deutsche Krebshilfe
    Baumann, Schüle, Bloch
  • Körperliche Aktivität und Sport in der Onkologie
    (Wissenschaftsbuch)
    Baumann, Jäger, Bloch (Hrsg.), Springer Verlag Medizin 2012

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